DHB Krise. Machtkampf. Erfolg um jeden Preis

Handball EM 2020 – DHB Abschluss Pressekonferenz am 25. Januar 2020 in der Tele 2 Arena Stockholm – Bob Hanning, Andreas Michelmann, Axel Kromer, Tim Oliver Kalle (v.r.) – Copyright: SPORT4FINAL
Handball EM 2020 – DHB Abschluss Pressekonferenz am 25. Januar 2020 in der Tele 2 Arena Stockholm – Bob Hanning, Andreas Michelmann, Axel Kromer, Tim Oliver Kalle (v.r.) – Copyright: SPORT4FINAL

Handball EM 2020 Kolumne Dialog mit meinem Enkel: Grüße Großvater. Was ist in unserem Handball los?

Ich hätte heute fast die Zeugnis-Ausgabe vor den Winterferien verpasst. Da habe ich mir die Veranstaltung des DHB auf dem Handy angesehen. Im Handball haben wir ja jetzt Verhältnisse wie im Profi-Vereins-Fußball. Das gefällt mir nicht.

Warum bist Du aber so nachdenklich ruhig, Großvater? Du hattest doch Recht, dass unser DHB Bundestrainer Christian Prokop in seiner „3-Jahres-Ära“ sportlich gescheitert ist.

Der Handball interessierte Enkel (11) wollte sich eigentlich erst zum Olympia-Qualifikations-Turnier im April in Berlin wieder melden. Durch den „napoleonischen“ Schachzug mit dem adhoc-Wechsel von Christian Prokop zu Alfred Gislason auf dem Posten des Bundestrainers der deutschen Handball-Nationalmannschaft bewegen den Enkel wieder einige Fragen, die SPORT4FINAL-Redakteur Frank Zepp versucht zu beantworten.  

Alfred Gislason – Zum Erfolg verdammt ?

Keine Weiterentwicklung und Medaille

Der gescheiterte Bundestrainer Christian Prokop

Christian Prokop „Wir können alle rechnen.“

Deutschlands Handballer in Qualitäts-Nöten

Das Prokop Dilemma: Anspruch und Wirklichkeit

Messlatte Medaille und Weltspitze

09.02.2020 – ZEPPI SPORT NEWS / Frank Zepp:

Handball EM 2020 Bundestrainer Kolumne Dialog mit meinem Enkel: Tja lieber Enkel, danke für Deine Erinnerung. Sicher habe ich nach der Niederlage gegen Kroatien bei der EHF EURO in der Wiener Stadthalle in unserem Gespräch über die dreijährige Amtszeit von Christian Prokop resümiert, dass der Bundestrainer angesichts der Erfolgslosigkeit in Nichterfüllung der jeweiligen DHB-Ziele sowie fehlender Weiterentwicklung des DHB-Teams gescheitert ist und wir einen neuen Cheftrainer bräuchten.

Das ist die eine Seite der Medaille, bei der unsere Verantwortlichen in der DHB-Chefetage zwar richtig, wenn auch zwei Jahre zu spät gehandelt haben. Denn schon im Februar 2018 entschied das Präsidium unter dem „Diktat“ des angekündigten Rücktritts von Bob Hanning, er holte Prokop als Bundestrainer und der DHB zahlte dafür eine halbe Million EUR an den damaligen Prokop-Verein SC DHfK Leipzig, nur mit zwei Stimmen Mehrheit, dass Christian Prokop weiterhin Bundestrainer bleibt.

Das Unwürdige an dieser aktuellen DHB-Komödie ist der immatrielle Glaubwürdigkeits-Schaden, verbunden mit der Führungs-Krise. Denn DHB-Sportvorstand Axel Kromer sagte in Wien während der Hauptrunde: „Es gab bei uns intern nie eine Diskussion, mit welchem Trainer wir zukünftig die Nationalmannschaft prägen wollen. Wir werden natürlich mit Christian das Ziel Olympia anpeilen.“

Damit komme ich zu Deiner Frage nach meiner Nachdenklichkeit: Ich beobachte seit einigen Jahren in unserer deutschen Gesellschaft, in Politik, Wirtschaft und auch im Sport bzw. hauptsächlich im Fußball, dass Anstand, Würde, Moral, Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit nicht mehr viel wert sind und oftmals mit Füßen getreten werden. Sport-Vorstand Kromer und DHB-Vize-Präsident Bob Hanning, die noch in Wien und Stockholm eine Job-Garantie für Christian Prokop gegenüber den Medien aussprachen, entscheiden ein paar Tage später gemeinsam im DHB-Präsidium, dass Prokop entlassen wird. Nicht nur der ehemalige Bundestrainer sondern Kromer und Hanning müssten auch „ihren Hut“ nehmen.

Welcher Schaden dem deutschen Handball mit dieser Entscheidung entstanden ist, wird man abwarten müssen. Da der DHB bei der Männer- (2016) und Frauen-Nationalmannschaft (2007) seit Jahren keine Medaillen erkämpfen konnte und sich für die 20er Jahre auf die Fahne geschrieben hat, der sportlich erfolgreichste Verband der Welt zu werden, müssen wir künftig die Entwicklung beobachten. Denn der Erfolgs-Druck ist für den neuen Bundestrainer Gislason enorm hoch.

Okay, Großvater, das verstehe ich auch schon. Aber warum wurde der Kurs gegen Prokop durch den Handballbund so eingeschlagen. Gibt es Gründe?

Ein paar Aussagen auf der heutigen Pressekonferenz deuten darauf hin. Beispielsweise sei die sportliche Analyse nach der Europameisterschaft kritischer als während der EURO ausgefallen. Details wurden nicht genannt. Insofern wurde den Handball-Fans eine reine sportliche Entscheidung präsentiert. Strategisch soll sie auch mit dem Wechsel zu Gislason zusammen hängen. Seine Erfahrung und Erfolge konnte Prokop natürlich nicht aufweisen, was aber alle Verantwortlichen bei seiner Verpflichtung 2017 wussten. Auch ein Systemwechsel in der Art und Weise eines Trainers bzw. seiner Arbeitsweise wurde angesprochen.

Aber der wichtigste Grund schien den Verantwortlichen zu sein, dass es mit Gislason noch eine kurzfristige Alternative zu Prokop gab. Der Isländer sollte Nationalcoach eines anderen Landes werden und der Vertrag war unterschriftsreif. Nur Gislason wollte noch seine Frau in Deutschland fragen. Insofern war Schnelligkeit bei der Verpflichtung des ehemaligen Magdeburger und Kieler Coaches geboten. Was auch auffiel: Liga-Boss Uwe Schwenker schien der entscheidende Lenker des Präsidiums zur Entscheidung für Gislason gewesen zu sein. Wäre Gislason nicht auf dem „Trainermarkt“ gewesen, dann hieße wohl der Bundestrainer immer noch Christian Prokop. Aber das Geschichtsrad lässt sich nun mal nicht zurück drehen. Der neue Bundestrainer soll eine Olympia-Medaille mit der Mannschaft gewinnen. So lautet das alte und neue Ziel. Also nichts Neues.

Jetzt habe ich mal eine interessante Frage an Dich, lieber Enkel. In welchen Fächern hast Du eigentlich sehr gute Leistungen und wo noch nicht?

Die Antwort stellen wir lieber bis zu den Sommer-Ferien zurück, Großvater. Ich muss mich da wie unsere Männer im Handball noch gewaltig steigern. Aber es ist ja noch genug Zeit. Bis dahin Großvater und Grüße.

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