Das Prokop Dilemma: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Handball EM 2020 - Christian Prokop - Deutschland - Foto: Sascha Klahn/DHB
Handball EM 2020 – Christian Prokop – Deutschland – Foto: Sascha Klahn/DHB

Handball EM 2020 Kolumne: Großvater, Großvater – ich bin maßlos enttäuscht von meiner deutschen Handball-Nationalmannschaft. Selbst ich als Elfjähriger habe gesehen, dass die Mannschaft von Christian Prokop sowohl sportlich als auch psychisch gegen Spanien sehr versagte.

Ich weiß Großvater, jetzt wirst Du mir wieder ein paar sachliche Argumente um die Ohren hauen, die ich als Handball-Fan eigentlich nicht hören möchte.

Stimmt, lieber Enkel, denn Erinnerungen an das ähnliche Debakel-Match in der Hauptrunde bei der Europameisterschaft 2018 in Kroatien wurden bei mir leider „wach geküsst“.

Ein deutsches Problem oder auch Phänomen (?) zieht sich seit der Handball WM 2017 durch den deutschen Männer-Handball: Ein in Worten herbei geredeter Leistungs-Anspruch kann in der sportlichen Wirklichkeit nicht oder ganz selten auf der Platte bei WM oder EM durch das DHB-Team und wegen der fehlenden Führungsstärke des Bundestrainers umgesetzt werden!

Ein Kommentar von SPORT4FINAL-Redakteur Frank Zepp im Dialog mit seinem Enkel.

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Handball EM: Keine Weiterentwicklung und Medaille

Der gescheiterte Handball Bundestrainer Christian Prokop

13.01.2020 – ZEPPI SPORT NEWS / Frank Zepp:

Handball EM 2020 Kolumne: Blick-Zurück 2018 im Zitat des Berichtes vom 24. Januar 2018:

„Deutschlands bad boys mit Bundestrainer Christian Prokop verloren nach desaströser zweiter Halbzeit das ‚Finale vor dem Halbfinale‘ gegen Spanien mit 27:31 (13:14) Toren. Die DHB-Auswahl wird nur Gruppen-Fünfter und belegt am Ende der Europameisterschaft einen enttäuschenden neunten Platz. Spanien nutzte nach der Pause ab dem 15:15 (34.) die Fehler im deutschen Angriff durch Steels aus und zog innerhalb von zehn Minuten auf 15:23 spielentscheidend davon. Das Prokop-Team wirkte hilf- sowie strukturlos und verlor völlig die spielerische Linie. Selbst die Deckung funktionierte in der zweiten Hälfte nicht mehr.“

Die Auswirkungen der Vorrunden-Niederlage gegen Spanien anno 2020 in Trondheim, lieber Enkel, könnten fast die gleichen tragischen Züge annehmen. Im ARD-Fernsehen wurde am Ende der Übertragung fälschlicherweise behauptet, dass Deutschland im Halbfinale der EHF EURO ist, wenn es in der Hauptrunde alle Spiele gewinnt. Das kann so bei entsprechender Schützenhilfe anderer Teams passieren. Das schlimmere Szenario kann aber auch auf einen Dreier-Vergleich bei Punktgleichheit mit Kroatien und Spanien heraus laufen. Und dann würde das Torverhältnis aus den Spielen der drei Mannschaften untereinander entscheiden. In diesem Fall wäre die hohe deutsche Niederlage gegen Spanien sehr hinderlich und könnte am Ende für das DHB-Team nur im Spiel um den fünften Platz gipfeln. Aber auch die anderen Mannschaften müssen ja noch in der Hauptrunde spielen.

Aber lieber Opa, nun komm‘ doch endlich zu Deinen kritischen Bemerkungen bei Anspruch und Wirklichkeit! Was meinst Du damit? Die Weltmeisterschaft 2019 in unserem Land zeigte doch, wie gut wir wirklich in der Handball-Welt sind.

Gut ja, aber nicht sehr gut und nicht in der absoluten Weltspitze, lieber Enkel. Denn in den entscheidenden Spielen seit 2017 verlor unsere Mannschaft – Du erinnerst Dich hoffentlich noch: Katar im Achtelfinale bei der WM 2017, Spanien 2018 in Kroatien, Norwegen im Halbfinale der Heim-WM 2019 und auch das Bronze-Match gegen Frankreich und nun 2020 das vielleicht vorentscheidende Spiel für das Halbfinale gegen Spanien, weil Schlüsselspiel nach den Worten von DHB-Vize Bob Hanning.

Punkt 1: Bob Hanning resümierte bereits vor dem gestrigen Spanien-Match, dass wir die wahrscheinlich beste Abwehr der Welt haben. Diese These widerlegte Norwegen im WM-Halbfinale von Hamburg und Spanien wieder in brutalster Art und Weise in Trondheim. Torhüter Andreas Wolff, der seit dem siegreichen Finale der EHF EURO gegen Spanien nie mehr an seine Glanzleistung heran kam, sprach gestern noch von Weltklasse-Leistungen, die wir zu zeigen in der Lage sind. Sowohl Wolff als auch Kapitän Uwe Gensheimer oder auch Abwehr-Recke Patrick Wiencek (physisch nicht auf der Höhe) sind als Führungsspieler im deutschen Team aktuell weit weg von Weltklasse-Leistungen. Außerdem fehlt diesen Spielern einfach die Konstanz in der deutschen Nationalmannschaft auf Welt-Niveau. Die besitzt im Abwehrverbund nur Hendrik Pekeler, der auch noch der beste Kreisspieler im Angriff ist.

Punkt 2: Die Gier nach dem Halbfinale oder der Medaille, wie es Christian Prokop in Interviews bei den Leitmedien vor der EURO formulierte, eilt den aktullen sportlichen Gegebenheiten weit voraus. Natürlich müssen und wollen die Leistungssportler und Trainer immer nach dem höchsten Ziel streben und Medaillen oder Titel sowie Matches gewinnen. Sonst müssten sie ja gar nicht antreten. Aber bei genauerem Hinsehen wäre es im Vorfeld der Europameisterschaft besser gewesen, „kleinere Brötchen zu backen“, lieber Enkel. Denn personell und qualitativ ist die deutsche Mannschaft schlechter besetzt als bei der Heim-WM im vergangenen Jahr. Der Heimvorteil sowieso und der riesige Fan-Support fehlen bislang. Manche Schiedsrichterleistung bei der WM 2019 zu Gunsten Deutschlands (Vorrunde gegen Frankreich und Hauptrunde gegen Kroatien) half auch ein wenig für das Erreichen des WM-Halbfinales.

Punkt 3: Wir hatten einen Matchplan nach Christian Prokop und wussten genau, wie Spanien spielen würde. Diesen Gefallen tat uns auch dann das Team von Jordi Ribera. Nur unsere Mannschaft fand den eigenen Matchplan nicht, konnte ihn nicht umsetzen und in den Auszeiten modifizieren. Dies ist mehr als eine Qualitäts-Frage, lieber Enkel. Das ist auch eine Einstellungsfrage in Sachen Kampf und Leidenschaft auf der Platte. Hendrik Pekeler sagte in der ARD nach dem Spiel: „Uns hat die Galligkeit, die Emotion gefehlt!“ Das sagt doch viel über die mentale Verfassung der deutschen Mannschaft aus, lieber Enkel. Wie gesagt, eine große Diskrepanz auch hier bei Anspruch und Wirklichkeit.

Punkt 4: Bundestrainer Christian Prokop wird auch nicht immer in den Auszeiten seiner Führungs-Verantwortung gerecht. Nahm man ihm die sogenannte Wortfindungs-Störung bei der Suche nach dem Vornamen von Timo Kastening als menschlichen Fehler ab und konnte verzeihen, dann ist seine Frage in der zweiten Auszeit im Spanien-Spiel bei 24:18-Rückstand in der 44. Minute für einen Bundestrainer höchst bedenklich: „Womit schaffen wir es jetzt?“ In dieser kritischen Spielphase muss ein Trainer mehr Qualität und sportlich-taktische Klarheit in Form von Anweisungen an seine Spieler rüber bringen. Da hilft ein kollektiver und demokratischer Führungsstil nicht. Auch keine Hilflosigkeit des Bundestrainers. Also, lieber Enkel, auch in diesem Punkt moderierten uns die DHB-Führungskräfte, dass die Qualitäten von Christian Prokop weit höher einzuschätzen sind. Dies muss er aber nun bei diesem EURO-Turnier mit seiner Mannschaft noch beweisen, damit das ausgegebene DHB-Ziel Halbfinale oder Medaille nicht schon nach der Spanien-Niederlage abgehakt werden kann. Aber noch ist ja nichts verloren auf dem Weg zu diesem Ziel, lieber Enkel. Denn die Wahrheit liegt auf der Platte und spiegelt sich in den Ergebnissen wider. Also Kopf hoch lieber Enkel. Wir sprechen uns wieder.

17 Replies to “Das Prokop Dilemma: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit”

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